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Interview mit der kantonalen Denkmalpflegerin
Frau Ludwig, ich darf mein eigenes Haus nicht umbauen?
Wer ein geschütztes Haus besitzt oder in einem solchen wohnt, darf längst nicht alles verändern. Denkmalpflegerin Annina Ludwig sagt, vor allem Solaranlage und Fenster sind Streitpunkte.
Von Lynn Disch

Menschen, die in einem denkmalgeschützten Bau leben, tragen oft mehr Verantwortung. So ist es auch bei Eigentum nicht ganz einfach, umzubauen oder zu sanieren. Was bedeutet das für den Alltag? Was darf man, und was nicht? Die kantonale Denkmalpflegerin Annina Ludwig erklärt, wo Eigentümer frei sind, wann sie sich melden sollten und weshalb sie alte Häuser niemals abreissen würde.
Annina Ludwig, ich besitze ein geschütztes Haus und darf trotzdem nicht ändern, was ich will. Warum sollte mir die Öffentlichkeit vorschreiben dürfen, was ich damit mache?
Diese Haltung ist mir bekannt: Wenn es meins ist, sollte ich doch damit machen können, was ich will. Es ist ein gesetzlich verankertes und öffentliches Interesse, Schutzobjekte zu erhalten. Wenn man in einem solchen wohnt und es pflegt, ist das eine bewusste Entscheidung. Für mich ist wichtig, dass Denkmalpflege nicht als Bevormundung wahrgenommen wird. Es geht um den Dialog. Man kann in geschützten Häusern sehr viel machen. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass man in einem Gebäude von historischer Bedeutung lebt.
Was darf ich darin denn überhaupt verändern?
Mehr, als viele denken. Man kann in einem geschützten Haus grundsätzlich ganz normal wohnen, es möblieren oder beispielsweise einen Teppich legen. Entscheidend ist der Schutzumfang des jeweiligen Gebäudes. Nicht automatisch alles in einem geschützten Haus ist auch geschützt. Relevant wird es bei baulichen Eingriffen. Jedes Objekt hat seinen eigenen Schutzumfang.
Muss ich also nicht für jede kleine Veränderung bei der Denkmalpflege anfragen?
Nein. Einfacher Unterhalt ist grundsätzlich problemlos. Wenn man aber aufwendigere Arbeiten plant, ist es sinnvoll, früh auf die Denkmalpflege zuzugehen. Das ist auch für uns angenehmer. Schwierig wird es vor allem, wenn etwas bereits gemacht wurde und sich im Nachhinein herausstellt, dass dafür ein Baugesuch nötig gewesen wäre. Das kann beispielsweise bei ausgetauschten Fenstern passieren.
Was sind die häufigsten Wünsche von Eigentümerinnen und Eigentümern?
Bad- und Küchensanierungen sind Standard. Häufig geht es auch um Fenster. Und immer stärker beschäftigen uns energetische Sanierungen und Solaranlagen. Bei energetischen Massnahmen finde ich wichtig, das Gebäude als Ganzes anzuschauen. Ein Baudenkmal steht oft bereits sehr lange. In ihm steckt viel Energie, die man für einen Neubau erst wieder aufwenden müsste. Wenn man beispielsweise sehr dichte Fenster einsetzen will, während der Rest des Gebäudes ungedämmt ist, muss man prüfen, was das tatsächlich bringt. Ähnlich ist es bei Solaranlagen: Auch ihre Herstellung benötigt Energie.
Was ist denn bei einem Baudenkmal genau geschützt?
Das ist von Gebäude zu Gebäude unterschiedlich. Wir sprechen vom sogenannten Schutzumfang. Bei einem Objekt können beispielsweise Dach, Fenster und Fassaden relevant sein, bei einem anderen zusätzlich Teile der Innenausstattung. Eine moderne Installation muss dagegen nicht unbedingt relevant sein. Auch eine Küche aus den 1970er-Jahren ist etwas anderes als eine sehr alte, historisch bedeutende Küche. Es geht darum, herauszufinden, welche Bestandteile für die Bedeutung und Geschichte dieses konkreten Gebäudes wichtig sind.
Woran erkennt man überhaupt, dass ein Gebäude ein Denkmal ist? Muss es einfach sehr alt sein?
Nein. Ein Baudenkmal muss nicht aus dem 15. Jahrhundert stammen. Es gibt auch bedeutende Gebäude aus dem 20. Jahrhundert. Entscheidend ist, dass ein Objekt über das Individuum hinaus eine Bedeutung für die Gesellschaft besitzt. Das kann beispielsweise mit seiner Architektur oder seinem Handwerk zusammenhängen, aber auch mit der Geschichte, von der es erzählt. Denkmäler müssen dabei nicht nur an schöne Dinge erinnern. Sie können auch Zeugnisse negativer Ereignisse sein. Jede Gesellschaft und jede Generation hat ein Recht auf Erinnerung. Wir sind heute ein Teil dieser Geschichte und versuchen, diese Zeugnisse an die nächste Generation weiterzugeben.
Wer entscheidet, ob ein Gebäude geschützt wird?
Ich mache die fachliche Einschätzung und Begleitung. Bei komplexeren Fällen können externe Gutachten hinzukommen. Darin wird beurteilt, ob ein Gebäude überhaupt als Baudenkmal relevant ist und, falls ja, welche Teile geschützt werden sollten. Bei uns im Kanton entscheidet der Regierungsrat über die Unterschutzstellung. Wenn ich einen fachlichen Austausch brauche, kann ich die kantonale Natur- und Heimatschutzkommission beiziehen.
Bekomme ich finanzielle Unterstützung, wenn ich ein Baudenkmal saniere?
Für denkmalpflegerisch relevante Arbeiten können Beiträge beantragt werden. Wir prüfen diese Gesuche und begleiten unterstützte Arbeiten fachlich. Die Arbeiten führen wir aber nicht selbst aus. Dafür braucht es erfahrene Handwerkerinnen und Handwerker sowie Architektinnen und Architekten. Ein gutes Beispiel ist ein Dach. Ein intaktes Dach ist für den Erhalt eines Gebäudes zentral. Dabei geht es nicht zwingend darum, sämtliche alten Ziegel durch neue zu ersetzen. Heute lässt sich viel Material erhalten und reparieren. Eine zusätzliche Dämmung oder beispielsweise eine Dachterrasse dient dagegen in erster Linie dem heutigen Wohnkomfort und ist denkmalpflegerisch anders zu beurteilen.
Ist es teurer, in einem denkmalgeschützten Haus zu wohnen?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Es kommt darauf an, über welchen Zeitraum man rechnet. Bei einem Neubau hat man hohe Anfangskosten und vielleicht während einer gewissen Zeit weniger Unterhaltsarbeiten. Betrachtet man aber 50 oder sogar 100 Jahre, sieht die Rechnung anders aus. Ein denkmalgeschütztes Haus braucht Pflege – dafür sprechen wir auch über Gebäude, die bereits sehr lange bestehen.
Wo endet der Schutz der Geschichte – und wo beginnt das Recht der Bewohner auf ein zeitgemässes Zuhause?
Ich bin sehr dafür, historische Gebäude an heutige Bedürfnisse anzupassen. Die Frage lautet vielmehr: Wie stark greift man ein und an welcher Stelle? Was muss erhalten bleiben, damit ein Gebäude seine Bedeutung nicht verliert? Und was kann man verändern und gut integrieren?
Und was passiert, wenn heutige Bedürfnisse mit dem Denkmalschutz kollidieren – etwa bei der Barrierefreiheit?
Das sind grosse und schwierige Fragen. Altbauten haben beispielsweise häufig Schwellen oder andere bauliche Voraussetzungen, die nicht barrierefrei sind. Dafür gibt es keine pauschale Antwort. Ich persönlich finde, dass auch Menschen mit Beeinträchtigungen das Recht haben sollten, ein Baudenkmal zu erleben. Man sollte deshalb nicht von vornherein sagen: Das ist unmöglich. Man muss prüfen, was machbar ist und welche Folgen ein Eingriff hätte.
Wo entstehen in Ihrer Arbeit am ehesten Konflikte?
Häufig beim Ortsbildschutz. Dort geht es um das Erscheinungsbild, also vor allem um Dinge, die von aussen sichtbar sind. Typische Themen sind wiederum Fenster oder Solaranlagen. Oder auch bei einer Strasse oder einer Ausfahrt braucht es bestimmte Sichtverhältnisse für die Sicherheit. Aus Sicht des Ortsbildschutzes kann es gleichzeitig problematisch sein, dafür einen Teil einer historischen Substanz zu entfernen.
Was fasziniert Sie persönlich so an alten Gebäuden?
Ihre Geschichte. Mich fasziniert das Wissen, dass an einem Ort schon so viel passiert ist. Ich habe mir schon als Kind vorgestellt, wie ein Mädchen vor mir vor 200 Jahren am selben Ort gelebt hat und was es gemacht hat. Man merkt dadurch auch, dass man Teil eines Ganzen ist und, dass Generationen vor uns da waren und Generationen nach uns kommen werden. Andererseits fasziniert mich das Handwerk. An einem Gebäude kann man seine Umbaugeschichte ablesen. Man entdeckt beispielsweise einen Balken und sieht, dass ihn irgendwann jemand aus einem anderen Zusammenhang genommen und neu eingebaut hat. Für mich ist es wirklich der beste Job im Kanton.
Welchen Rat geben Sie jemandem, der in einem geschützten Haus lebt?
Geniessen Sie es. Schätzen Sie es. Und danke, dass sie das baukulturelle Erbe mitverwalten.
13 historische Glarner Gebäude – und wie es heute dort aussieht
Annina Ludwig versucht historische Gebäude zu schützen. Nicht immer haben wir Menschen aber die Oberhand. Wie beim Brand von Glarus 1861: Der Föhn entfachte ein Feuer, das fast die Hälfte der Bevölkerung obdachlos machte. Über die Jahre verlor das Glarnerland viele alte Bauwerke. Die Architekten Reto Fuchs und Andreas Ruby haben für die kantonale Fachstelle Denkmalpflege und Ortsbildschutz eine Ausstellung erarbeitet. Reto Fuchs zeigt exklusiv einen Teil der Ausstellung: verlorene Bauwerke im Glarnerland und wie es heute an den Orten aussieht.
Das Bad Stachelberg war im 19. Jahrhundert eines der bedeutendsten Heilbäder der Schweiz. Seit der Eröffnung des ersten Kurhauses im Jahr 1830 entwickelte sich die Anlage dank der heilenden Wirkung der Schwefelquelle zu einem mondänen Kurort, der eine internationale und wohlhabende Gästeschaft anzog. Zu den Besuchern gehörten Persönlichkeiten aus Adel, Politik und Kultur. Der Ausbruch des 1. Weltkriegs brachte den Kurbetrieb zum Erliegen. Nach dem Konkurs wurden grosse Teile der Anlage abgebrochen.
2015 erprobte die Armee den Fall eines Meteoriteneinschlags und setzte aus diesem Anlass in Hätzingen, direkt neben dem Skilift Loh, eine ganze Gadenlandschaft in Brand. In den nicht mehr genutzten Ökonomiebauten sah niemand mehr einen Wert, und das Übungsszenario ersparte der Gemeinde die Abbruchkosten. Eine Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte genutzt wurde und den bäuerlichen Alltag dokumentierte, wurde damit vernichtet.
Das Ökonomiegebäude der Villa Halunenstein in Luchsingen bildete zusammen mit dem Herrensitz und der Parkanlage ein prägendes Ensemble im Ortsbild des Weilers Adlenbach. Die Eigentümerschaft wollte es durch eine Garage ersetzen. Gegen einen Abbruch wehrten sich der Glarner und der Schweizer Heimatschutz. Das Verwaltungsgericht des Kantons urteilte, dass das Gebäude im kommunalen Zonenplan – im Gegensatz zur Villa selbst – nicht unter Objektschutz stand. Es wurde deshalb 2017 abgebrochen.
Das 1865 erbaute Fabrikantenwohnhaus «Weisse Villa» wurde um 1890 in ein kleines Schloss umgebaut. In diesem Zuge erschuf der damals bekannteste Schweizer Landschaftsarchitekt Evariste Mertens eine beeindruckende Parkanlage, die über Balustraden, eine Kegelbahn (seit 1951 kath. Kapelle), ein Jugendstil-Gartenhaus und eine Seefläche mit Ruderboot und Schwänen verfügte. 1951 verkauften die Erben an die Entwickler Blesi und Olsen, die trotz Protesten den Park vollständig abholzten und Wohnhäuser errichteten.
Das Kino Glarus brachte ab 1920 die Welt des Films in den Kanton. Für Generationen von Glarner:innen war es der Ort, an dem sie ihre ersten Kinomomente erlebten. Wegen der vielen italienischen Arbeitskräfte zeigten die Kinos in Glarus und Schwanden in den 1960er-Jahren sogar Filme in italienischer Originalfassung – teils ganz ohne Untertitel. Nach der Einstellung des Betriebes 2008 stand das Lichtspieltheater leer, ehe das Gebäude 2018 abgebrochen und durch ein Wohn- und Geschäftshaus ersetzt wurde.
1894 erstellte der Architekt Theodor Gohl in Glarus ein Postgebäude im Stil der Neurenaissance. Der imposante Bau wurde mit einer Turmuhr, Telegrafenkranz und Zwiebeldach gekrönt. Schon wenige Jahrzehnte später wurde das Telefonnetz auf Untergrundkabel umgestellt und der Telefonverteiler auf dem Turm entfernt. Vermutlich entsprach der Zwiebelturm nicht mehr dem damaligen Geschmack, weshalb man ihn ebenfalls abbaute und dem Trend zur Sachlichkeit und «Entschnörkelung» folgte. Auf dem alten Bild sieht man den Turm links.
Das stattliche Haus am Gemeindehausplatz von Glarus wurde 1900 von Architekt Felix Jenny erbaut, in das das Warenhaus von E. Müller einzog. Nach verschiedenen Eigentümerwechseln war 1929 Ausverkauf, und Konditor Hans Jenny eröffnete eine Konditorei mit Kaffeestube im 1. Stock. 1961 erfolgte mit dem Nebenhaus Bärengasse 2 ein Teilersatzbau. 1977 wurde eine weitere Modernisierung vorgenommen. Heute gastiert im EG ein Take-Away-Betrieb. Wenig erinnert an das imposante Haus der Jahrhundertwende.
In der Nacht vom 10. Mai 1861 wütete der Brand von Glarus und zerstörte bei einem orkanartigen Föhnsturm zwei Drittel des Ortes. Rund 500 Gebäude brannten ab, fast 3000 Menschen verloren alles. Die Katastrophe löste eine beispiellose Solidaritätswelle aus. Beim anschliessenden Wiederaufbau legte man das Zentrum im bis heute prägenden, schachbrettartigen Strassenraster neu an. Wo früher die Kirche stand, findet sich heute das Gerichtshaus.
Die alte Kaserne in Glarus wurde Anfang der 1940er-Jahre während des Zweiten Weltkriegs erbaut. Der Platz diente der Bevölkerung zudem über Jahrzehnte als Eisfeld und den Kleinsten als Verkehrsgarten. Die Kaserne war die Heimat der 14. Kompanie und verfügte über eine Schlosserei, Schreinerei, Materiallager und Büros, ehe der Armeebetrieb 2001 eingestellt wurde. Nach Jahren des Leerstands und sporadischen Zwischennutzungen wurde das Gebäude 2020/2021 abgebrochen.
Architekt und späterer Stadtpräsident Johann Schmid-Lütschg kaufte 1908 8200 Quadratmeter Bauland auf der «Höhe» in Glarus und baute eine Villa, die von Kaufmann John Spitz gekauft wurde. Die Villa Spitz war ein typischer Vertreter des Glarner Heimatstils mit gut erhaltener Innen- und Aussengestaltung. Da die kantonale Denkmalpflege dem Gebäude keine regionale Bedeutung, herausragende Handwerkskunst oder ortsbildprägende Stellung zusprach, wurde die Villa 2021 abgebrochen und durch ein Mehrfamilienhaus ersetzt.
Das alte Letzhaus in Näfels (auch Klosterhaus od. Hofstettli) wurde um 1550 errichtet und prägte bis zum Abbruch 1978 den nördlichen Dorfeingang an der Letz. Hier lebte Gardehauptmann Fridolin Hauser-Reding, 1674 nahmen die ersten Kapuziner des Ordens in Näfels ihren Sitz. Das beim Abbruch keineswegs baufällige Haus verfügte über nachgotische Fenstersäulen, barocke Vertäfelungen und kostbare Fassadenmalereien. 1978 wurde ein Kindergarten gebaut, welcher nur 22 Jahre später erneut einem Ersatzbau weichen musste.
1767 eröffnete Friedrich Streiff im Feld in Mollis die zweite Stoffdruckerei im Glarnerland. Um 1830 wird berichtet, dass seine Nachfolger die schönsten Türkenkappen im Glarnerland herstellten. In den nachfolgenden Jahrzehnten versuchten verschiedene Unternehmer hier ihr Glück. 1898 richtete Heinrich Zingg eine mechanische Strickerei und Wirkerei für Trikotwäsche, Mäntel, Jackets, Lismer und Decken ein. 1987 wurde die Fabrikation eingestellt. 2010 wurden die Fabriken abgebrochen und durch Wohnungsbauten ersetzt.
Das Mineralbad und Gasthaus an der Badstrasse in Niederurnen war eines der bedeutendsten Heilbäder im Glarnerland. Es geht ins 15. Jahrhundert zurück, wurde bis ins 20. Jahrhundert betrieben und war ein mächtiger, um 1734 erstellter Satteldachbau. 1657 liest man: «Viele innerliche und äusserliche Schäden und Beschwerden des Leibes, welche für unheilbar geachtet worden und an denen die Ärzte schier verzweifelten, sind in diesem Bad kuriert und geheilt worden.» 2017 wurde das Bad abgebrochen und durch zwei Wohnhäuser ersetzt.
Susanne Balcon wohnt im ältesten Haus von Glarus

Für Annina Ludwig ist es eine bewusste Entscheidung, in einem geschützten Gebäude zu wohnen. Genauso auch für Susanne Balcon. Die Zürcherin wohnt im Eichenquartier in Glarus. Ihr Haus ist das älteste des ganzen Dorfes und wurde 1459 gebaut. „Ich liebe alte Häuser, ich spinne darauf“, sagt Susanne Balcon. Ihr Zuhause in Bildern und einem Video.
























